Rolf Behrens stellte nach der Analyse von 345 Artikeln des Nachrichtenmagazins Spiegel in seinem Beitrag „Sie schießen, um zu töten.“ (Neu-alter Judenhass, Hrsg.: Faber, Schoeps, Stawski 2007, 2. Auflage) fest, der Spiegel, „als meistzitiertes Medium […] und Themensetzer in der deutschen Presse- und Rundfunklandschaft“, führt das oft behauptete Tabu der Israelkritik in Deutschland ad absurdum. Laut Behrens zeigte sich im Untersuchungszeitraum (Intifada 1987-1992 und Al-Aqsa-Intifada 200-2002), dass der Spiegel in der Berichterstattung „mehr als einmal die Grenze überschreitet, die legitime Israelkritik von Antizinismus und Antisemitismus trennt.“ Der israelische Staat wird stereotyp als brutal, expansiv, rassistisch, voller Missstände und mit einer Gesellschaft gezeigt, die „sich im Niedergang befinde.“ So komme kaum ein Text „ohne feststehende und bewertende Vorstellungsbilder aus“, wie Behrens am statistischen Mittelwert von 0,96 Stereotype pro Artikel darlegt.

(Bild via www.coxandforkum.com)
Ulrike Putz berichtete nun auf Spiegel Online „In den Lagern der Palästinenser wächst der Hass“. Nach der Kurzvorstellung und emotionaler Einführung eines ehemaligen palästinensischen Familienglücks kommt der skandalisierende Bruch: „Doch dann brach kurz nach Weihnachten 2008 der Krieg zwischen Israel und der den Gaza-Streifen regierenden radikalen Hamas aus.“ Putz verschwendet keine weiteren erklärenden Worte dazu. Hintergründe, Verlauf oder ähnliches? So etwas sucht man vergebens. Das moralische Dilemma ist indes angerichtet: „Hier wurde meine Tochter ins Feuer geschleudert.“ Guten Appetit! Die Bodenoffensive der israelischen Armee reduziert sich auf ein moralisch zu verurteilendes fast a-politisches Event. Kein Wort von menschlichen Schutzschildern, derer sich die Hamas bediente, kein Wort vom Raketenbeschuss auf Israel, kein Wort über die hochkomplexe und andauernde Konfliktsituation, die in der Bodenoffensive nur einen weiteren Ausdruck fand, kein Wort über die Korruption im Gazastreifen, die humanitäre Hilfe blockiert.
Der interviewten Abu Halima wird damit Legitimation und Verständnis gegeben, wenn sie resümiert „wenn [Gott] gütig ist, dann straft er die Israelis für das, was sie getan haben“. Doch dabei bleibt es nicht. Nicht selten wurde der Spiegel biblisch wenn es darum ging, den Stereotyp der Rachsüchtigkeit der Israelis zu untermauern. So zitiert Behrens treffend einige Zeilen: „schon seit den Königen David und Salomo strotzt die Geschichte der Israeliten von Krieg, Mord und Totschlag“ (Spiegel 41/2001, S. 162); oder die „[…]geradezu biblische Vergeltungspolitik Scharons – Auge um Auge, Wahn um Wahn […]“ (Spiegel 15/2002, S. 139). Die Verlogenheit der humanistischen Anklage wird offenbar, wenn, wie im Artikel von Putz, Aussagen wie die von Abu Halim „Wenn [sie] könnte, würde [sie sich] unter den Israelis in die Luft sprengen […]“ unkommentiert stehen bleiben. Die Anklage wird einseitig. Das Moralisieren Mittel zum Zweck. Der Lesende hat indes zur Rezeption durch den Artikel nur die moralische Einstimmung auf das Einzelschicksal. So darf Abu Halima dann auch mit Aussagen wie: „Sie haben mir fünf Menschen genommen, ich nähme 50 von ihnen“ weiter um die Gunst und verständnisvolle Gnade des Lesenden für den geäußerten Wunsch nach Mord werben. Dass hierbei auch keine Unterscheidung zwischen Militär und Zivilbevölkerung getroffen wird, sondern Israelis allgemein als Ziel markiert werden, sei dazu auch noch angemerkt.
Über die Motivation für solche Darstellungen kann ich nur Mutmaßen. Behrens schlägt in seinem Beitrag 5 mögliche Erklärungsmuster vor. Im dritten Punkt zitiert er sinngemäß den verstorbenen palästinensischen Schriftsteller Edward Said, nach dessen Ansicht „»der Orintale« im Westen […] oftmals als rückständiger Mensch angesehen [wird], dessen Handeln nicht an den »zivilisierten« Maßstäben des Westens zu messen sei.“ Behrens spricht hier von einem subtilen Rassismus. Aber auch das bedienen der öffentlichen Meinung (Punkt 2 bei Behrens) sollte nicht außer acht gelassen werden. 2004 stimmten immerhin 68,3 Prozent der Befragten Deutschen der Aussage zu „Israel führ[e] einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“.
Na Danke … „Wenn Gott gütig ist, straft er die Israelis“ (SPON 30.08.2009)



“You‘re the best friends I ever had; Goodnight, sleep tight; Goodnight, God bless; Goodnight, nos da; I‘ll try my best […] Leave me, go Jesus ~ I love you, yeah I love you ~ Just let me go” singt Nicky Wire im Song William’s Last Words. Ein Song wie eine Offenbarung. So unglaublich nah und zeitgleich überwältigend. Die Stimme von Wire wirkt dabei so wunderschön zerbrechlich, dass man selbst schutzlos gegen die anrauschende emotionale Flut ist und droht in der unglaublich persönlichen Stimmung zu ertrinken.
Die Songtexte stammen allesamt aus der Feder von Richey James und so nehmen die Preachers Richey in ihrem mittlerweile neuntem Album wieder in ihre Mitte auf und schaffen kein einfaches Plagiat von The Holy Bible sondern ein Album das in seiner Zerbrechlichkeit, der persönlichen Tiefe und musikalischer Schroffheit eigenständig und vor allem eins ist: großartig. „You know so little about me.“ heißt es im Opener und das zu recht. Wer das Album einfach durchhört und der Bandgeschichte und den Texten keine Aufmerksamkeit widmet, wird meine Euphorie und Begeisterung kaum nachvollziehen können. Man möchte fast von einem Singer-/Songwriter-Album sprechen. Grandios wanken die Songs zwischen Auflehnung und Depression, Ironie und Fuck-The-World Stimmungen.

