Archiv für März 2009

  Mit 0:6, 0:6, 0:6 habe die „Demokratie“ gegen den „Mob der Straße“ verloren   

„In dieser Situation sollte überhaupt kein Match gegen Israel gespielt werden“, die Davis-Cup-Partie zwischen Schweden und Israel (6. bis 8.März) sei „eine Provokation für die in Malmö lebenden Araber“1 – so skurril äußerte sich der Bürgermeister von Malmö, Ilmar Peepalu, gegenüber der Tageszeitung „Sydsvenskan“ und rahmte so offiziell kommunalpolitisch die Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende. Der Kulturausschuss des Malmöer Stadtrates tat sein übriges und ließ die Spiele seit Freitag unter fast vollständigem Zuschauerausschluss stattfinden – vorgeblich aus Sicherheitsbedenken aber natürlich auch, wie die Financial Times Deutschland berichtet, aus „Unterstützung für die Proteste gegen Israel begründet“3. Die fadenscheinigen „Sicherheitsbedenken“ hatte der verantwortliche Einsatzleiter der Malmöer Polizei, Håkan Jarborg Eriksson, in einem Interview entkräftet. „Es hat auch früher schon geklappt, Einlasskontrollen und Kartenvorverkauf sicher zu handhaben, wenn man verhindern wollte, dass es in der Arena zu Unruhen kommt.“4 Schwedens Schulminister Jan Björklund erklärte treffend dazu, das der Stadtrat damit die Ausschreitungen unterstütz hätte und „sowohl links- wie rechtsextreme Kräfte gegen junge jüdische Tennisspieler aufgehetzt [habe]“2.

Vor der „Baltiska Halle“ versammelten sich am Samstag mehrere tausend Menschen zu einer Kundgebung gegen „Israels Krieg und Okkupation“5. Die Veranstalter versprachen zuvor eine „friedliche, würdige“6 Veranstaltung. Auf ähnlichen „friedlichen“ und „würdigen“ Demonstrationen wurden in Malmö während der Gaza-Offensive unter anderem israelische Fahnen mit Hakenkreuzen7 öffentlich verbrannt. Wie friedlich können also Veranstaltungen sein, die zuvor schon Raum für antisemitische Ausschreitungen boten?

So tat man in Malmö im Anschluss an die Kundgebung sein Bestes um dem Zitat „Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los.“ gewalttätig Rechnung zu tragen. Menschen versuchten den abgesperrten Austragungsort zu stürmen. „Sie warfen Steine und Feuerwerkskörper auf die Sicherheitskräfte. Die Polizei setzte Schlagstöcke ein. Rund 100 Personen wurden nach Polizeiangaben festgesetzt, mindestens sechs wurden festgenommen“8. Die Antwort auf die Frage, was der losgelöste Mob, der jede Differenz zwischen Zivilisten und Streitkräften begraben hat und hasserfüllt nur noch Israelis sieht, bei einem erfolgreichen Durchbruch in der Halle mit dem israelischen Tennisteam angerichtet hätte, mag man, denkt man an die Opfer des Olympia-Attentats von 1972, lieber nicht hören. Allein schon die Rechtfertigung der gewalttätigen Angriffe auf das Davis-Cup Spiel in Malmö und potentiell auf das israelische Tennisteam als eine Form von Protest macht sich zum Handlanger für diesen antisemitischen und antiisraelischen Gewaltakt. Die schwedische Zeitung „Sydvenskan“ quittierte daher schon zuvor das hofieren der „Proteste“ treffend mit: „Mit 0:6, 0:6, 0:6 habe die „Demokratie“ gegen den „Mob der Straße“ verloren.“9

Zumindest für das israelische Tennisteam gab es dennoch einen Grund zur Freude. Mit einem 3:2 Sieg gegen das schwedische Team zogen sie in das Viertelfinale des Davis Cup ein10. Doch ein bitterer Beigeschmack bleibt. Andy Ram, der israelische Doppelspieler, sprach über die Krawalle als „traurigen Moment für das Tennis, den Sport und für Israel“. Er sei in seiner „ganzen sportlichen Karriere […] niemals einem solchen Hass […] begegnet.“11

  1. 1) http://www.sport1.de/de/tennis/tennis_daviscup/artikel_78155.html [zurück]
  2. ebd. [zurück]
  3. 3) http://www.ftd.de/sport/tennis/news/:Nach-Krawalen-Israel-gewinnt-in-Schweden/483470.html [zurück]
  4. 4) http://jungle-world.com/artikel/2009/09/32769.html [zurück]
  5. 5) http://www.fr-online.de/in_und_ausland/sport/aktuell/?em_cnt=1685267&&sid=98671590891956360c4192894f13c5bf [zurück]
  6. ebd. [zurück]
  7. 7) Den antisemitischen Gehalt solcher Gleichsetzungen muss man hoffentlich nicht mehr erläutern. [zurück]
  8. 8) http://www.focus.de/politik/ausland/schweden-israel-demonstranten-wollen-tennisplatz-in-malmoe-stuermen_aid_378193.html [zurück]
  9. 9) http://www.fr-online.de/in_und_ausland/sport/aktuell/?em_cnt=1685267&&sid=98671590891956360c4192894f13c5bf [zurück]
  10. 10) http://www.israelnetz.com/themen/sport/artikel-sport/datum/2009/03/09/ausschreitungen-in-schweden-sieg-der-israelis/ [zurück]
  11. 11) http://www.ftd.de/sport/tennis/news/:Nach-Krawalen-Israel-gewinnt-in-Schweden/483470.html [zurück]

  Rassistenzone Sorglosland   

In Mügeln wurde nachgelegt … Sicher gab und gibt es viele Sachen die einem Alltagsrassismus sein wiederwärtiges Antlitz verleihen – alltägliche Anfeindungen, abwertende Blicke, soziale Isolation etc. – ,die es aber in der Regel nicht in die Presse schaffen. So kann man auch immer nur über das wahre Außmaß mutmaßen, wenn man in der Zeitung oder wo auch immer mal wieder über Angriffe lesen muss, die rechts- und/oder fremdenfeindlich motiviert waren.

2007 hatten in Mügeln mehrere Deutsche 8 Menschen auf dem Stadtfest des Provinznests angegriffen. Rechtfertigung für die Täter bildete wohl die Herkunft der Opfer: Indien. Die Stimmung die SPON im Nachhinein einfing pendelte zwischen „Die haben doch angefangen!“; „Man hört ja so einiges über die Inder“, Beschimpfungen, Hitlergrüßen, einem Bürgermeister, der der „Financial Times Deutschland“ erklärte: Parolen wie „Ausländer raus“ könnten „jedem mal über die Lippen kommen“, und fehlender Reue, was für mich nach wie vor die Polemik rechtfertigt, hier von einem „Pogromkaff“ zu sprechen.

Nun wurde wieder ein Angriff öffentlich. Über den Hintergrund machte die Polizei bislang keine Angaben – die dürfte den Opfern aber auch erstmal herzlich egal sein. Oder um es mit den Worten von Doron Rabinovici zu sagen: „Die Morde, die Skinheads in Dresden an afrikanischen Menschen verüben, sind etwa nicht weniger rassistisch, wenn wir von den gesellschaftlichen Nöten und politischen Hintergründen der Täter sprechen.“1

Angegriffen wurden die Betreiber der Pizzaria «Picobello». 2007 waren die Angegriffenen vor dem gewaltätigen Mob eben hier hin geflüchtet. Nun kann man vermutlich warten, das eben keine Solidarisierung mit den Betroffenen erfolgt, sondern abermals Rufschädigung und Standortwahn in den Vordergund rücken.

Passend dazu: „Rassistenzone Sorglosland …“

  1. Rabinovici, Doron (2007) Altneuhaß.Moderne Varianten des Antisemitismus In: Faber, Klaus, Schoeps, Julius H. und Stawski, Sacha (Hg.)(2007): Neu-alter Judenhaß. Antisemitismus, arabisch-israelischer Konflikt und europäische Politik. 2. Aufl. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg GmbH [zurück]

  Then the trees became fences and factories   


Bei Superfluous soll es zukünftig neben aktuellen Ankündigungen für Konzerte auch einiges mehr zu sehen geben. Im Youtube Channel gibt es jetzt die ersten Mitschnitte alter Shows – Bislang kann der geneigte HC-Nerd Catharsis und Refused bestaunen.

Zum Catharsis Auftritt 99 gibts bei superfluous auch noch einen Bericht: read

check:
Superfluous Records | Superfluous Shows

  Mitmachen wollte ich nie   

Leo Löwenthals autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel im Buch „Mitmachen wollte ich nie“ begeistert mich gerade sehr. Löwentahl reflektiert oft sehr beeindruckend über sein Leben und verschiedene gesellschaftliche Erfahrungen. Auch ist Löwenthal nicht um die ein oder andere bissige Polemik verlegen, wie im folgenden Auszug zum Thema Antisemitismus:

Ich halte den Antisemitismus für eine pervertierte und verdrängte Form der Utopie. Die Juden stellen etwas dar, was man auch so gern wäre. Gehen wir einmal die Topoi der antisemitischen Vorurteile durch: […] die Juden leben davon, daß sie andere Leute ausbeuten, das heißt, sie wollen selber nicht richtig arbeiten. Nun, wenn du so willst, bezieht sich das auf die Abschaffung schwerer körperlicher Arbeit. […] [D]ie Juden lieben den Luxus, sie sind lüstern, sie essen gern, sie machen sich breit in den Kurorten und Sommerfrischen, sie sind laut, sie sind expressiv. All diese den Juden zugeschriebenen Verhaltenseigentümlichkeiten kann man unter dem Begriff einer hedonistischen Lebensweise zusammenfassen. Die Juden tun Dinge, die verboten sind. Keiner weiß genau, was sie eigentlich tun. Sie schlachten die kleinen Christenkinder, vergewaltigen die Christenmädchen, sie essen gern saure Gurken, sie essen koscher, sie haben irgendwelche Feiertage, bei denen man nicht recht weiß, was geschieht, sie tragen diese komische Thora herum, sie errichten Laubhütten, sie blasen eine Trompete … Kurzum, die Juden wissen etwas vom Leben, das mehr ist als das Alltagsleben, und sie wissen um diesen ganzen Komplex des ungehinderten Genusses, des Sich-Auslebens, eine Freiheit, für die man nicht fortwährend zahlen muß, die offensichtliche Nichtnotwendigkeit, sich ständig mit der Natur auseinandersetzen zu müssen […]1

  1. Löwenthal, Leo: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1980 [zurück]

  dailys #28 Die Krautwells-Idep Connection lässt die Apfelbande los   


Auf gehts! Ab gehts! Ab 04.04.09 im Krautwells.