Warum Adorno-Schüler Jazz und Pop so sehr mögen   

Das neue Exrablatt ist ja endlich erschienen und wartet mit dem zweiten Teil von Gerhard Scheits „Roll Over Adorno? – Kleine Musikgeschichte des Fordismus“ auf. Beide Teile sind nun auch online verfügbar und empfehle ich gern weiter. Zur Einstimmung hier mal das „Intro“.

Warum Adorno-Schüler Jazz und Pop so sehr mögen

Eine der Anekdoten Eckhard Henscheids über die Helden der Frankfurter Schule handelt von Prof. Adornos Verhältnis zur populären Musik: »Immer wieder und herb kritisierte Adorno in Buch und Gespräch die Jazzmusik. Ein Student fragte ihn, ob dies Verdikt auch für die neue Popmusik gelte, für die Beatles z.B. Adorno schwieg zuerst und dachte sehr lange nach. Erst auf die nochmalige dringliche Anfrage, ob seiner Meinung nach die Beatles auch schlecht seien, antwortete er langsam: ›Ja, die auch.‹«1 Tatsächlich bedeutete das Jazz-Verdikt Adornos für die nachfolgende Generation der Adorno-Schüler und -Leser oftmals ein Problem, da nicht wenige Jazz- oder Rock-Fans darunter waren, die vielleicht sogar nebenher in einer Band spielten – und ausgerechnet der Meister der Negativen Dialektik sollte ihnen diesen Rhythmus verderben, bei dem sie vor lauter Negativität Arme und Beine förmlich zucken spürten? Wer gewieft genug war, machte aus dieser seelischen oder sogar körperlichen Not eine akademische Tugend und erwarb seine wissenschaftlichen Meriten über das Thema, warum Prof. Adorno den Jazz oder die Beatles nicht leiden konnte, stellte den Professor vom Kopf aufs Tanzbein und fand heraus, dass dieser den wirklichen Jazz oder den wirklichen Rock gar nicht kennen konnte, weil er eben nicht zuletzt ein Bildungsbürger war, und dass darum für Produkte der Kulturindustrie dasselbe oder etwas Ähnliches oder etwas Vergleichbares gelten müsse, wie für jene Kunstwerke, die Adorno favorisiert habe, zumal die Kunstautonomie ohnehin abgestorben sei etc.

Aber es ist seltsam: Adorno lässt sich nicht verjazzen, die Negative Dialektik nicht einmal rappen. Die Differenz zwischen U- und E-Musik ist mehr als die Grenze zwischen zwei Marktsegmenten – sie hat in der Produktion ihren Sitz, und bis dorthin reicht die beschwingte Adorno-Kritik der akademischen Vatermörder meist nicht. Wenn es aber über das ausgeleierte Thema autonome Kunst versus kulturindustriellen Pop, Atonal-Seriell-Minimal versus Jazz-Rock-Rap, noch irgendetwas zu sagen gibt, dann vielleicht im Zusammenhang mit der Durchsetzung abstrakter Arbeit als universaler Kategorie der Gesellschaft – Kunstautonomie und Kulturindustrie erscheinen als die beiden ästhetischen Seiten dieser Durchsetzung. Und bei Adorno, der im Unterschied zu den meisten seiner verjazzten und poppigen Kritiker noch einen Begriff von Wertkritik – als Kritik der abstrakten Arbeit – hatte, ist gerade dieser Zusammenhang etwas verdeckt, aber vorhanden. Ihn ein wenig ans Licht zu bringen, versuchen die folgenden Überlegungen.

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4 Antworten auf “Warum Adorno-Schüler Jazz und Pop so sehr mögen”


  1. 1 e.r. 16. Dezember 2008 um 21:22 Uhr

    ist nicht die interessantere frage: wie sehr hätte t.w.a. auf elektronische noisemusic hyperventiliert? des meisters geschriebsel über „neue musik“ und „automatenmusik“ lässt da ja tief blicken… (twa hat halt doch nur bei nitzsche abgeschrieben, imo)

  2. 2 bigmouth 17. Dezember 2008 um 1:51 Uhr

    wunderbares beispiel, warum diese art von argumentation so nichtig ist

    Eine der frühesten Erscheinungsformen des Off-Beat war der Ragtime, ein Klavierstil, bei dem in der einfachsten Form die linke Hand den Beat, die rechte den Off-Beat spielte; der Name des Stils leitet sich ab von ragged time – zerrissene Zeit. Und die Zeit des Fordismus war in der Tat zerrissen wie noch nie – in Arbeit und Freizeit. Je mehr die Arbeit ›rationalisiert‹ und selbst zerstückelt wurde und in einer strengen Disziplin und einer abstrakten Messbarkeit aufging, die wohl unbewusst in der Musik als Beat empfunden werden kann, desto mehr fuhr offenbar auch der Off-Beat in die Beine, suggerierte Befreiung von der Disziplin und dem Diktat der Zeit.

    diese gewagte parallelenziehung – man kann sie glauben, oder nicht. belegen oder beweisen oder falsifizieren geht nicht. damit sind überlegungen solcher art eigentlich komplett sinnlos

  3. 3 Thom 06. April 2011 um 17:46 Uhr

    Positivismus, das, was nicht sich falsifizieren läßt, „komplett sinnlos“ sei. Philosophie ist Ausdeutung der Welt. Beweise, als Rückführung auf ein anderes, enden im leeren Raum oder im Zirkel. Adorno mochte ungarische Schnulzen ohne sie darum von der Kritik auszunehmen, die er gegen Popularmusik vorbrachte. Auf solche Art von intellektueller Differenzierung kann man heute bei den Jazz und Pop-Fans nicht mehr hoffen.

  4. 4 2 x Adorno Big Cheese 06. April 2011 um 18:37 Uhr

    Sinnlos sind solche Äußerungen nicht, sie sollen durch ihren Wohlklang und die Schönheit der Sprachbilder Leser dazu bewegen, Anhänger des Autors zu werden. Und natürlich ist so eine Herangehensweise erfolgreicher als der Versuch, mit Argumenten zu überzeugen.

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